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30. Dezember 2016

Ein neues Kind, ein neues Studium

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Inzwischen brauche ich gar nicht mehr mit irgendwelchen Erklärungen oder Ausreden anzukommen, ich weiß. Dieser Blog ist eigentlich de facto inzwischen eine Cyber-Leiche geworden. Es tut mir Leid, lieber Blog! Buhuhuhuuuu. Ich hatte so große Hoffnung für dich. Ich wollte was ganz Großes aus dir machen. Aber ich wollte eben auch ein zweites Kind und ein zweites Studium. Erstaunlicherweise kann man nicht alles haben und nicht alles tun. Diese Lektion musste ich in den letzten Monaten ein paar Mal aufs Neue lernen.

Lass mal sehen. Was ist alles passiert in den letzten 18 Monaten? – oh mein Gott, 18 Monate!! So lange ist es her, habe gerade mal nachgesehen! Ähm ja, das ist ja genau das Alter meiner kleinen Tochter (M2), so ein Zufall. Ach ne, ist ja gar kein Zufall. Also, genau, das ist das erste, was passiert ist. Ich habe sie Anfang Juli zur Welt gebracht, und es war wunderbar. Sie kam zwei Tage vor dem Termin, und diese Geburt hat mich für die nichtsotolle Geburt meiner älteren Tochter (M1) entschädigt. Ich war mit meiner lieben Beleghebamme, die ich durch die Vorsorge- und Geburtsvorbereitungstermine gut kennengelernt hatte, in einer Klinik, die eine Atmosphäre wie ein Geburtshaus bot. Zum Zeitpunkt der Geburt war ich nur mit ihr und meinem Mann zusammen, kein Arzt weit und breit. Ich befand mich zufällig in der Badewanne, was nicht unbedingt so geplant war, aber es war auch kein Nachteil. Ich wollte eigentlich nur zum Entspannen in die Wanne, aber hoppla, das warme Wasser beschleunigte die Wehen, und ich fing unsere Kleine selbst auf. Sie sah von Anfang an unglaublich süß aus, und sie war zum Glück ganz gesund, so dass wir gleich am nächsten Tag nach Hause gegangen sind. Auch ich selbst erholte mich erstaunlich schnell von den Strapazen der Geburt, und das Stillen klappte auch von Anfang an wunderbar.

Das Baby schrie allerdings ziemlich viel. Mein Gott, ich hatte vergessen, wie anstrengend Neugeborene sind. Ohne Mist, das vergisst man. Die erste Zeit war wirklich nervenaufreibend, vor allem die Nachmittage und frühen Abende. Das Schlimme ist ja nicht nur das körperlich schmerzhafte Schreigeräusch und die vom Herumtragen müden und verkrampften Arme und Schultern. Schlimm ist vor allem die psychische Belastung, die Hilflosigkeit, weil ganz neu geborene Babys noch nicht so nett sind, unmittelbar auf die Tröstungsbemühungen ihrer Eltern zu reagieren. Sie beruhigen sich also schlicht absolut gar nicht, egal wie lange man sie rumschleppt und wiegt und ihnen was vorsingt. Man fühlt sich nutzlos. Man denkt, ich könnte dieses Kind genauso gut rumliegen lassen oder von einem Fremden umherschleppen lassen. Es ist dem Kind egal.

Das stimmt natürlich nicht, und nach wenigen Wochen danken Babys es ihren Eltern dann doch, dass man sich für sie sämtliche Arme und Beine ausreißt. Sie fangen sogar an zu lächeln, wenn man mit ihnen redet. Das ist wunderbar, und man erinnert sich wieder daran, warum man sich das eigentlich alles nochmal antun wollte.

Kurz darauf wollte ich dann anfangen zu studieren! Der Wunsch war über die letzten Jahre gereift; und während ich mein Buch schrieb, fasste ich den wilden Entschluss, es jetzt wirklich anzugehen. Ich wollte forschen, die Krankheitsursache für chronisch entzündliche Darmerkrankungen ergründen, an einer Heilung arbeiten. Diese Heilung sollte möglichst über die strikte Befolgung einer Ernährungsform hinausgehen und mehr Menschen zugänglich sein sowie noch mehr Menschen noch dauerhafter helfen. Ich hatte mich also im Bachelor of Science für Biologie eingeschrieben und wurde tatsächlich zugelassen, was nicht unbedingt so selbstverständlich ist, da bei einem zulassungsbeschränkten Studiengang nur wenige Studienplätze an Zweitstudierende vergeben werden und ich meine Abiturnoten, meine Noten des ersten Studiengangs sowie eine Studienwunschbegründung vorlegen musste.

Ich hatte mir vorgenommen, nur ganz wenig zu machen, also etwa 30% von dem Kursprogramm, das fürs erste Semester Biologie vorgesehen ist. Leider stellte sich nach kurzer Zeit heraus, dass selbst das eine Modul, „Allgemeine Zoologie“, das ich mir vorgenommen hatte, für eine frischgebackene zweifache Mutter ohne Kinderbetreuung schlicht nicht machbar war. Insbesondere, da ich leider in den Monaten nach der Geburt, womöglich durch die hormonelle Umstellung, vermehrt Probleme mit der Colitis hatte. Und so meldete ich mich nach drei Wochen von dem Modul ab und ließ das erste Hochschulsemester verstreichen, ohne etwas zu belegen.

Im Sommersemester belegte ich dann das Modul „Allgemeine Botanik“. Ich hatte eine supertolle Babysitterin gefunden, die zu mir nach Hause kam und sich in den Zeiten der Lehrveranstaltungen liebevoll um unsere Kleine kümmerte. Das war natürlich nicht billig und ich musste daher wirklich direkt nach den Lehrveranstaltungen nach Hause galoppieren, um die Babysitterin abzulösen. Einmal in der Woche kamen auch meine Schwiegereltern von Thüringen nach Leipzig getuckert, um die über-fünfstündige Betreuung während des Praktikumstermins zu stemmen. Lernen konnte ich somit dann nur spät abends, wenn beide Kinder im Bett waren. Das Modul schloss ich dennoch mit großem Erfolg ab, denn fast alle Protokolle erzielten eine gute bis sehr gute Bewertung, und ich erhielt eine 1,0 auf die Abschlussklausur. Das gab mir entsprechenden Auftrieb und die Zuversicht, dass das Studium für mich doch machbar ist, obwohl das Abitur schon über 20 Jahre zurückliegt und ich selbst in der Schulzeit verhältnismäßig wenig mit Naturwissenschaften zu tun hatte, da ich auf dem neusprachlichen Zweig unseres Gymnasiums war. Ich hatte zwar bis zum Abitur Biologie, sogar als Prüfungsfach, aber in meiner gesamten Schullaufbahn nur ein Jahr Chemie. Dass ich aber seit meiner Diagnose und erst recht in der Recherche für mein Buch schon viele Forschungsberichte gelesen und mir zum besseren Verständnis entsprechendes Grundwissen angeeignet hatte, kommt mir nun durchaus zugute. Auch wenn ich hin und wieder auf Wissenslücken stoße – aber eigentlich studiere ich ja genau deswegen, um diese zu schließen.

Seit dem Wintersemester ist unsere Kleine in der Krippe. Sie hat relativ lang gebraucht, um sich dort einzugewöhnen. Der Prozess wurde nämlich erheblich dadurch gestört, dass die Bezugserzieherin, zur der M2 schon bald Vertrauen gefasst hatte, mitten in der Eingewöhnung von einem Tag auf den anderen gesundheitsbedingt aus der Einrichtung ausschied. Das war natürlich Mist. Hinzu kam, dass M2 furchtbar oft krank wurde, kaum dass die Eingewöhnung begonnen hatte. Das passte kein bisschen zu dem Studienpensum, das ich mir für dieses Semester vorgenommen hatte. Eigentlich, um unsere Kleine in ihrem zarten Alter nicht allzu lang betreuen zu lassen, nur die Hälfte des für das 1. Semester vorgesehenen Kursprogramms: nämlich die zwei Module „Physik“ und „Anorganische Chemie“. Aber da das 1. Semester sowas wie ein Aussiebungs-Straflager für naive kleine Abiturienten ist, ist man auch noch gut ausgelastet, wenn man nur bei 50% des Bootcamps mitmacht.

Es geht dabei nicht nur um die Stoffmenge, die vermittelt wird. Das ist allein schon sehr viel. Was wirklich anstrengend ist, ist die ständige Kontrolle. Jedes Modul besteht ja aus einer Vorlesung, einem Seminar und einem Praktikum. Das sind momentan pro Modul so 6 bis 9 Stunden reine Lehrveranstaltung. Im Praktikum und Seminar herrscht Anwesenheitspflicht, und es werden wöchentlich Leistungskontrollen durchgeführt: in Form von Testaten und Protokollen, die während oder nach dem Praktikumstermin erstellt und abgegeben werden müssen. Das Ganze ist also wie Schule, nur eigentlich ein bisschen schlimmer, weil man durch den Personalmangel wenig direkte Unterstützung durch die Lehrenden bekommt. Die Assistenten in den Praktika (selbst noch Studierende) und in manchen Fällen ein durch Studierende höherer Fachsemester durchgeführtes Tutorium bieten einem da zur Abwechslung echte Ansprechpartner. Da ich „Studium“ noch ganz anders kenne, aus einer Zeit vor der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen, vermisse ich natürlich die Selbstbestimmung, mit der man früher noch lernen konnte. Leider kommt es bisweilen vor, dass ich Zeit mit Pflichtaufgaben „verplempere“, die mir persönlich wenig Erkenntnisgewinn bringen, Zeit, die ich besser investieren könnte – zum Beispiel damit, im Selbststudium mal ein Chemie-Buch aus der Institutsbibliothek in die Hand zu nehmen. Aber im Großen und Ganzen macht mir das Studium Spaß, vor allem Chemie. Was ja gut ist, weil Chemie mich das ganze Studium hindurch begleiten wird, und erst recht in der Forschung.

Ich will eigentlich darauf hinaus, dass das Studium alles andere als reibungslos angelaufen ist und dass es sich daher noch ein bisschen hinziehen wird, bis alles seinen normalen Gang geht. Es kam nämlich noch dicker. M1 wurde im letzten Frühsommer operiert, nachdem sie über ein halbes Jahr lang anfänglich unerklärliche, immer wiederkehrende Fieberschübe hatte (worunter meine Teilnahme an der „Allgemeinen Botanik“ zeitweise litt, aber ich hatte eine verständnisvolle Dozentin). Es stellte sich schließlich heraus, dass sie einen defekten Harnleiter hatte, genauer gesagt eine defekte Harnleitermündung, durch die Urin zurück in Richtung Niere floss (angeborener Harnleiterreflux). Durch die ständig vorhandenen Rückstände an Alturin besteht eine hohe Anfälligkeit für Keime – daher das Fieber. Der Reflux konnte schließlich operativ behoben werden und die Harnwegsinfekte hörten auf.

Kurz danach wurde feststellt, dass M2 zu kleine Nieren für ihr Alter hat. Der Kinderarzt vermutet, dass bei ihr ebenfalls ein Reflux vorliegen könnte, da dieser familiär gehäuft auftritt und eine häufige Ursache für eine sogenannte Hypoplasie (zu geringes Wachstum) der Nieren ist. Und tatsächlich gingen auch bei ihr die Harnwegsinfekte los – zusätzlich zu dem üblichen Infektionswahnsinn, der mit so einer Kindergarteneingewöhnung einhergeht (Magen-Darmvirus, Atemwegsinfekt, nochmal Norovirus, Dauerschnupfen…). Gerade haben wir die vierte Antibiotikabehandlung hinter uns, und meine Leser wissen ja, wie begeistert ich davon bin, meinen Kindern Antibiotika zu verabreichen. Hier ließ es sich nicht vermeiden. Jedenfalls habe ich in der Folge momentan einen ziemlichen Fehlstand insbesondere beim Physik-Praktikum – und da hier Anwesenheitspflicht besteht, muss ich im neuen Jahr noch einige Termine nachholen. Das ist natürlich nur machbar, wenn wir bald – mittels weiterer Untersuchungen – herausfinden, was M2 für ein Problem hat und wenn es sich dann auch hoffentlich bald gänzlich beheben lässt (toi toi toi!).

Soweit der derzeitige Stand. Es folgt dann jetzt noch gleich ein Abriss zu meiner finanziellen Situation, weil diese nämlich dafür sorgt, dass ich andauernd alles in Frage stellen muss, was ich tue. Denn so nervig auch der Alltag einer studierenden Mutter oft ist, so müde ich auch abends oft bin, wenn ich mich doch noch zur Vorbereitung des morgigen Praktikumstermins durchringe, und so kaputt ich manchmal nach der Vorlesung bin, während ich mit M2 in der Babytrage im Bus durch die halbe Stadt kutschiere, um M1 abzuholen und zur Klavierstunde zu bringen, würde mich dies allein nicht von meinem großen Plan abbringen.

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